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Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat

· 12 Min. Lesezeit · von Nora-Aileen Koch

Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat

In den vergangenen Tagen ist unser Zuhause plötzlich ziemlich öffentlich geworden.

Für einen Artikel der Stuttgarter Zeitung wurde nicht nur meine Arbeit als Interior Designerin und Studio Olivia Interior porträtiert, sondern auch das Haus, in dem vieles davon seinen Anfang genommen hat.

Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat

Unser Zuhause ist fast 100 Jahre alt. Als wir es übernommen haben, war nicht alles erhaltenswert, nicht alles schön und vor allem nicht alles so nutzbar, wie wir heute leben möchten.

Trotzdem war für mich von Anfang an klar, dass daraus kein Haus werden sollte, das aussieht, als wäre es gerade erst gebaut worden.

Ich wollte seine Geschichte nicht entfernen. Ich wollte sie mit unserer heutigen Art zu wohnen verbinden.

Wenn ich heute alte Bilder unseres Hauses anschaue, sehe ich deshalb nicht nur ein Vorher und Nachher. Ich sehe viele der Prinzipien, die inzwischen auch meine Arbeit bei Studio Olivia Interior prägen.

Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat
Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat

Und überraschenderweise haben die wenigsten davon mit einem bestimmten Sofa, einer Trendfarbe oder dem perfekten Accessoire zu tun.

Es geht vielmehr um die Basis eines Raumes.

Um Architektur, Proportionen, Materialien, Kontraste und um die Frage, wie ein Zuhause über viele Jahre hinweg funktionieren kann.

Bevor wir anfangen: Gibt es zeitlose Einrichtung überhaupt?

Über zeitlose Einrichtung wird viel gesprochen. Genauso oft hört man inzwischen den Einwand, dass echte Zeitlosigkeit im Interior Design eigentlich gar nicht existieren könne.

Ich verstehe den Gedanken.

Natürlich ist jeder Raum ein Produkt seiner Zeit. Materialien, Farben und Möbel verändern sich. Auch Grundrisse und unsere Art zu wohnen entwickeln sich weiter.

Selbst ein Raum, den wir heute als klassisch und zeitlos empfinden, wird in zwanzig Jahren vermutlich anders gelesen werden als heute.

Wenn wir bei Studio Olivia von zeitloser Gestaltung sprechen, meinen wir deshalb nicht, dass ein Raum völlig frei von Trends sein muss.

Und wir meinen auch nicht, dass ein Zuhause in dreißig Jahren exakt genauso aussehen sollte wie heute.

Für mich bedeutet zeitlos vielmehr, dass die Grundidee eines Raumes Bestand haben kann.

Gute Proportionen verlieren nicht plötzlich ihre Wirkung.

Natürliche Materialien wie Holz, Stein, Leinen oder Wolle funktionieren nicht nur für eine Saison.

Möbel mit guter Qualität und einer klaren Form müssen nicht ausgetauscht werden, nur weil sich ein Trend verändert.

Und vor allem sollte ein Raum so geplant sein, dass er Veränderung aushält.

Eine Wandfarbe darf irgendwann wechseln.

Ein Muster darf einen gewissen Zeitgeist transportieren.

Ein Sessel kann später durch ein Vintage Stück ersetzt werden.

Kunst, Bücher, Leuchten und Textilien entwickeln sich ohnehin mit uns weiter.

Zeitlosigkeit bedeutet für mich deshalb nicht Stillstand.

Sie bedeutet, eine starke Basis zu schaffen, die sich verändern darf.

Genau deshalb finde ich ältere Häuser so spannend. Sie zeigen sehr deutlich, dass Räume nicht dann interessant werden, wenn man versucht, jede Spur ihrer Vergangenheit zu entfernen.

Oft entsteht Charakter genau dadurch, dass verschiedene Jahrzehnte und Epochen miteinander sichtbar bleiben.

Das Ziel ist für mich also nicht, einen Raum zu gestalten, bei dem niemand erkennen kann, wann er entstanden ist.

Das Ziel ist ein Raum, der auch dann noch funktioniert, wenn sich der Zeitgeist weiterbewegt.

Vielleicht ist genau das der beste Maßstab:

Frage dich nicht nur, ob etwas heute modern oder zeitlos wirkt.

Frage dich, ob du die komplette Gestaltung verändern müsstest, wenn dir dieses eine Element in fünf Jahren nicht mehr gefällt.

Wenn die Antwort Nein lautet, ist die Basis meistens ziemlich gut.

1. Gute Raumgestaltung beginnt mit der Architektur

Bevor ich in einem Raum über Sofa, Wandfarbe oder Leuchten nachdenke, schaue ich mir seine Architektur an.

Wo liegen die Fenster?

Welche Blickachsen entstehen?

Wo befinden sich Türen und Durchgänge?

Wie hoch sind die Decken?

Wie sind die Proportionen?

Welche Elemente sind bereits vorhanden und geben dem Raum Charakter?

Gerade bei älteren Häusern ist das entscheidend.

Wenn man die vorhandene Architektur komplett ignoriert und einfach eine neue Einrichtung darüberlegt, entsteht häufig ein Raum, der trotz schöner Möbel nicht selbstverständlich wirkt.

Bei unserem Haus haben wir deshalb immer wieder versucht zu unterscheiden:

Was gehört wirklich zu diesem Haus und sollte bleiben?

Und:

Was muss verändert werden, damit das Haus zu unserem heutigen Leben passt?

Diese Balance ist für mich bis heute einer der wichtigsten Grundsätze guter Raumgestaltung.

Ein Altbau oder ein älteres Haus muss nicht wie ein Museum behandelt werden.

Aber seine Geschichte, seine Proportionen und seine Besonderheiten sollten Teil des Gestaltungskonzepts sein.

Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat

Mein Tipp

Bevor du beginnst, einen Raum neu einzurichten, schau ihn zunächst ohne Möbel und Dekoration im Kopf an.

Welche Wand ist die natürliche Hauptwand?

Wohin fällt dein Blick, wenn du den Raum betrittst?

Wo entstehen Laufwege?

Welche architektonischen Elemente solltest du betonen, statt sie zu verstecken?

Oft liegt die spätere Möblierung bereits im Raum selbst.

2. Alte Häuser brauchen nicht automatisch eine alte Einrichtung

Einer der größten Irrtümer beim Einrichten älterer Häuser ist für mich die Vorstellung, dass nun auch die gesamte Einrichtung traditionell sein muss.

Genau das Gegenteil kann einen Raum interessant machen.

Ich liebe klassische Formen, traditionelle Materialien und Möbel mit Geschichte.

Wenn aber alle Elemente dieselbe Sprache sprechen, fehlt schnell die Spannung.

Deshalb kombiniere ich sehr gerne alte Architektur mit modernen Möbeln, Vintage Stücke mit neuen Leuchten, klassische Muster mit ruhigeren Flächen und traditionelle Formen mit klareren Linien.

Dieser Mix ist ein wesentlicher Teil dessen, was wir bei Studio Olivia unter Modern Heritage verstehen.

Es geht nicht darum, eine bestimmte Epoche nachzubauen.

Es geht darum, Geschichte und Gegenwart miteinander zu verbinden.

Ein alter Holztisch kann neben einer sehr reduzierten Leuchte stehen.

Ein traditioneller Sessel funktioniert wunderbar mit moderner Kunst.

Eine klassische Tapete kann besonders schön wirken, wenn der Rest des Raumes bewusst ruhiger bleibt.

Gerade diese Gegensätze verhindern, dass ein älteres Haus altmodisch wirkt.

Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat

Mein Tipp

Versuche bei sehr traditionellen Elementen immer wieder einen zeitgemäßen Gegenpol zu schaffen.

Nicht alles muss kontrastieren.

Aber ein Raum gewinnt enorm, wenn er nicht so aussieht, als wäre alles gleichzeitig aus derselben Kollektion gekauft worden.

3. Ein Raum braucht Kontraste und nicht perfekte Übereinstimmung

Viele Räume wirken unruhig, weil zu viel passiert.

Andere wirken langweilig, weil alles zu gut zusammenpasst.

Die interessantesten Räume liegen für mich genau dazwischen.

Ich arbeite deshalb sehr bewusst mit Gegensätzen.

Hell und dunkel.

Alt und neu.

Glatt und strukturiert.

Geradlinig und weich.

Ruhig und gemustert.

Fein und rustikal.

Diese Kontraste sorgen dafür, dass ein Raum Tiefe bekommt.

Ein gutes Beispiel dafür ist Holz.

Ich würde in einem Raum nicht automatisch alle Möbel aus exakt demselben Holz wählen.

Verschiedene Holzarten und Holztöne können wunderbar miteinander funktionieren, wenn Untertöne, Proportionen und die Gesamtwirkung stimmen.

Genauso müssen Sofa und Sessel für mich nicht aus derselben Serie stammen.

Leuchten müssen keine komplette Produktfamilie sein.

Und Kissen müssen nicht exakt dieselben Farben wiederholen.

Ein hochwertig gestalteter Raum entsteht nicht dadurch, dass alles perfekt zueinander passt.

Er entsteht dadurch, dass die einzelnen Elemente Beziehungen zueinander aufbauen, ohne identisch zu sein.

Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat

Mein Tipp

Wenn ein Raum zu perfekt oder zu sehr nach Möbelhaus aussieht, ergänze bewusst ein Element aus einer anderen Welt.

Das kann ein Vintage Beistelltisch sein.

Eine traditionelle Leuchte.

Ein gemusterter Stoff.

Ein altes Bild.

Ein Möbelstück mit Patina.

Oft ist genau dieses eine Stück das, was einem Raum Persönlichkeit gibt.

4. Proportionen verändern einen Raum stärker als Dekoration

Eine Erkenntnis, die ich in unserem eigenen Zuhause und später immer wieder in Kundenprojekten gemacht habe:

Viele vermeintliche Stilprobleme sind eigentlich Größenprobleme.

Ein zu kleiner Teppich.

Eine Leuchte, die für den Esstisch zu zierlich ist.

Vorhänge, die direkt am Fensterrahmen beginnen.

Ein Couchtisch, der zur Größe des Sofas nicht passt.

Kunst, die an einer großen Wand verloren wirkt.

Ein kleines Sideboard an einer Wand, die eigentlich ein deutlich größeres Möbelstück vertragen würde.

Man kann einen Raum mit wunderschönen Produkten einrichten.

Wenn die Proportionen nicht stimmen, wird er trotzdem nie wirklich stimmig wirken.

Deshalb beschäftigen wir uns in unseren Interior Design Projekten sehr früh mit Größenverhältnissen, Laufwegen und Möbelmaßen.

Ein größerer Teppich kann dazu führen, dass eine komplette Sitzgruppe plötzlich wie eine Einheit wirkt.

Hoch und breit montierte Vorhänge können ein Fenster optisch vergrößern und einen Raum großzügiger wirken lassen.

Ein ausreichend großer Esstisch kann einen Raum ruhiger erscheinen lassen als mehrere kleine Möbel, die versuchen, die vorhandene Fläche irgendwie zu füllen.

Mein Tipp

Wenn dir ein Raum trotz schöner Möbel irgendwie falsch vorkommt, frag dich zuerst:

Ist wirklich der Stil das Problem oder stimmt die Größe eines Elements nicht?

Sehr häufig liegt die Ursache genau dort.

5. Ein gutes Zuhause darf langsam entstehen

Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die mir unser Haus gegeben hat.

Es muss nicht alles sofort fertig sein.

Gerade bei einem Umbau oder einer Renovierung entsteht schnell der Wunsch, am Ende jeden Raum komplett eingerichtet zu haben.

Alles soll abgeschlossen sein.

Jede Wand dekoriert.

Jede Ecke gefüllt.

Jedes Regal fertig gestylt.

Ich glaube inzwischen, dass genau das häufig verhindert, dass ein Zuhause wirklich persönlich wird.

Manche der Stücke, die unserem Haus heute am meisten Charakter geben, kamen deutlich später dazu.

Bücher.

Kunst.

Möbel, die wir irgendwann entdeckt haben.

Erinnerungsstücke.

Vintage Funde.

Dinge, die zunächst gar nicht Teil eines perfekten Moodboards gewesen wären.

Ein Zuhause mit Charakter sieht für mich deshalb nicht so aus, als wäre es an einem Wochenende komplett bestellt worden.

Es bekommt Schichten.

Es verändert sich.

Es wächst mit den Menschen, die darin leben.

Das bedeutet übrigens nicht, dass man ohne Konzept einrichten sollte.

Im Gegenteil.

Eine klare Basis aus Raumplanung, Farben, Materialien und großen Möbeln schafft erst die Voraussetzung dafür, dass später unterschiedliche Dinge dazukommen können, ohne dass der Raum beliebig wirkt.

Genau hier schließt sich für mich auch wieder der Gedanke der Zeitlosigkeit.

Die Basis darf langfristig funktionieren.

Die Oberfläche darf sich verändern.

Mein Tipp

Plane die Grundlage eines Raumes konsequent. Und lass danach bewusst Platz. Nicht jede Wand braucht sofort Kunst. Nicht jede Ecke braucht direkt ein Möbelstück. Nicht jedes Regal muss am ersten Tag perfekt gestylt sein.

Ein Zuhause darf erzählen, dass dort gelebt wird.

Was unser fast 100 Jahre altes Haus mich über gute Räume gelehrt hat

Was ich heute aus unserem Haus mitnehme

Als wir begonnen haben, unser eigenes Zuhause umzubauen und einzurichten, hätte ich wahrscheinlich nicht gedacht, dass viele dieser Entscheidungen irgendwann die Grundlage meiner Arbeit als Interior Designerin bilden würden.

Heute sind genau diese Themen Teil unserer Projekte bei Studio Olivia Interior.

Die Architektur verstehen.

Proportionen richtig planen.

Alt und Neu miteinander verbinden.

Materialien bewusst kombinieren.

Kontraste schaffen.

Und Räume gestalten, die nicht nur heute schön aussehen, sondern sich langfristig richtig anfühlen.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich ältere Häuser so spannend finde.

Sie zwingen uns ein Stück weit dazu, nicht bei null anzufangen.

Man muss reagieren.

Auf das, was bereits da ist.

Auf Geschichte.

Auf Eigenheiten.

Und manchmal auch auf Dinge, die man auf den ersten Blick lieber entfernen würde.

Genau daraus entstehen aber häufig die Räume mit dem meisten Charakter.

Für mich ist das inzwischen vielleicht sogar die treffendste Definition von zeitloser Gestaltung:

Zeitlos heißt nicht, dass ein Raum niemals verändert werden muss.

Zeitlos heißt, dass seine Basis stark genug ist, um Veränderung auszuhalten.

Und unser eigenes Zuhause hat mir vermutlich mehr darüber beigebracht als jedes perfekt leere Zimmer es jemals könnte.

Unser Zuhause in der Stuttgarter Zeitung

Dass unser fast 100 Jahre altes Haus inzwischen Teil eines großen Porträts über Studio Olivia Interior in der Stuttgarter Zeitung geworden ist, fühlt sich deshalb besonders an.

Denn dieses Haus ist nicht nur unser Zuhause.

Es ist auch der Ort, an dem viele Gedanken entstanden sind, die heute unsere Arbeit prägen.

Den Artikel über Studio Olivia Interior und unser Zuhause findest du hier.

Wenn du mehr über Modern Heritage, zeitlose Raumgestaltung und unsere aktuellen Projekte erfahren möchtest, kannst du das Studio Olivia Journal kostenlos abonnieren.

Hier teile ich regelmäßig konkrete Interior Design Tipps, Einblicke hinter die Kulissen und Gedanken darüber, was Räume langfristig wirklich gut macht.

Häufige Fragen zur zeitlosen Einrichtung älterer Häuser

Wie richtet man ein altes Haus modern ein?

Ein älteres Haus wirkt modern, wenn seine vorhandene Architektur nicht bekämpft, sondern bewusst in das Gestaltungskonzept integriert wird. Traditionelle Elemente können mit modernen Möbeln, reduzierten Leuchten, zeitgenössischer Kunst und klareren Formen kombiniert werden. Gerade der Kontrast aus Alt und Neu sorgt dafür, dass ein altes Haus zeitgemäß wirkt, ohne seinen Charakter zu verlieren.

Gibt es wirklich zeitlose Einrichtung?

Vollständig trendfreie Einrichtung gibt es kaum, weil jeder Raum von seiner jeweiligen Zeit geprägt ist. Zeitlose Raumgestaltung bedeutet deshalb weniger, Trends komplett zu vermeiden, sondern eine langlebige Basis aus guten Proportionen, hochwertigen Materialien und funktionaler Raumplanung zu schaffen. Farben, Textilien, Kunst und einzelne Möbel dürfen sich über die Jahre verändern.

Was ist Modern Heritage Interior Design?

Modern Heritage verbindet traditionelle Architektur, klassische Formen und natürliche Materialien mit moderner Einrichtung. Historische Elemente werden dabei nicht kopiert oder künstlich inszeniert. Stattdessen werden Alt und Neu so miteinander kombiniert, dass Räume zeitgemäß, charaktervoll und langfristig stimmig wirken.

Müssen in einem Raum alle Möbel zusammenpassen?

Nein. Unterschiedliche Möbel, Materialien und Epochen sorgen häufig erst für Tiefe und Persönlichkeit. Entscheidend ist, dass zwischen den einzelnen Elementen Verbindungen entstehen, zum Beispiel durch Farben, Materialien, Formen oder passende Proportionen. Ein stimmiger Raum muss nicht aus einer einzigen Möbelserie bestehen.

Zuerst erschienen im Studio Olivia Journal auf Substack. Original ansehen